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Im Fahrrad-Himmel: Velo-city Konferenz-Rückblick

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Beim größten Radverkehrsgipfel der Welt, der „Velo-city 2017“, die Mitte Juni in Arnhem-Nijmegen in der niederländischen Provinz Gelderland stattgefunden hat, bekam die Radkompetenz Österreich die großartige Gelegenheit, Fahrradwissen „Made in Austria“ einem breiten Publikum zu präsentieren. Die Konferenz selbst und das Fahrrad-Land Nummer Eins überzeugten die 1.500 ExpertInnen vor Ort.  Österreich konnte dort als ein Land punkten, das stetigen Radverkehrswachstum und noch viel Potenzial für einen größeren Anteil des Fahrrads am Modal-Split vorweist. Somit kann Österreich mit umfassenden Erfahrungen und einem wachsenden Wissenspool als sogenannte „Climber Nation“ ein Vorbild für jene aufstrebenden Länder abgeben, wo der Modal-Split-Anteil des Fahrrads gerade aus den niedrigen Zahlen herauswächst und signifikante Ressourcen investiert werden, um diesen Trend zu unterstützen.

radzunahmeÖsterreichs Radverkehrsleistung steigt kontinuierlich, die Unfallszaheln nehmen in Relation deutlich weniger zu. Safety in Numbers durch radverkehrssteigerung!

Velo-city Impressionen

Die Konferenz hat in vielerlei Hinsicht neue Maßstäbe im Universum der jahrzehntelangen Velo-city-Veranstaltungsreihe gesetzt. Mitten im Herzland des Radverkehrs und in dessen mit „Fahrradstadt 2016“ ausgezeichneten Kommune Nijmegen blieben kaum Wünsche offen: Beeindruckende Fahrrad-Schnellwege wie jene 20 ampelfreien Kilometer von Arnhem nach Nijmegen  mit 18 Jahren Bauzeit zeigen, was im Radverkehr möglich ist – aber auch dass nur langjährige Hartnäckigkeit und langer Atem solche Umsetzungen ermöglichen. Die Experten-Workshops zum niederländischen Planungsleitfaden „CROW-Manual“ gaben elaboriertes Radverkehrswissen international weiter. Über 1.500 Radverkehrs-ExpertInnen aus aller Welt tauschten ihre Visionen und ihr Wissen untereinander aus und präsentierten in acht parallelen Räumen aktuelle Erkenntnisse.

20 km bevorrangtes Radfahren am Arnhem-Nijmegen Fahrrad Schnellweg
(STREETFILMS on Vimeo)

Diese Vielfalt und große Zahl wurde gleichzeitig zur Herausforderung, die den laufenden Wechsel zwischen zwei Konferenzgebäuden mit sich brachte und eine Mehrzahl der Vorträge ins  Kurzformat zwängte. Aber eine gemeinsame Best-Practice-Tour von 800 TeilnehmerInnen im Sonderzug nach Amsterdam, in die Welthauptstadt des Radfahrens, ließ kleine Konferenzmängel schnell vergessen. Nirgendwo sonst ist exzellente Radverkehrsplanung so nah am Bedürfnis der Menschen und mit vollem Vertrauen auf die selbstorganisierenden Interaktionsfähigkeiten der VerkehrsteilnehmerInnen so zu beobachten. Der Begriff „Schwarm-Intelligenz“ wurde nicht nur auf den Konferenzpodien mehrfach verwendet, sondern mitten in Amsterdams Radverkehrsströmen bestätigt.

Radkompetenz-Vortrag: The way up!

Nur vier Nationen und ihren „Radbotschaften“ kam das Privileg zu, in jeweils einstündigen Sessions ihre Rezepte für Radverkehrsverbesserungen darzulegen: Neben Österreich waren dies die Niederlande, Dänemark und Deutschland. Im Vortrags-Slot  Österreichs zeigten sechs Radkompetenz-Mitgliedsunternehmen ihre Beiträge als Elemente auf dem Weg zu einer besseren Fahrradinfrastruktur und präsentierten die Radkompetenz-Plattform als ein Gemeinschaftsprojekt zum Austausch und zur Weiterentwicklung von Wissen.

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Nationale Zielsetzungen: Nachdem Radkompetenz-Koordinator Alec Hager die Leitideen und Qualitäten der Plattform und ihren 26 Mitgliedsinstitutionen veranschaulicht hatte, startete Bundesradkoordinator Martin Eder (BMLFUW) mit einer Präsentation über die nationalen Aktivitäten in Sachen Fahrrad-Förderung. Er betonte insbesonders die zweite Auflage des österreichischen Masterplans, der das offizielle Ziel von 13% im Modal-Split bis 2025 beinhaltet. Um das zu erreichen, werden diverse nationale Initiativen wie das Forschungsprogramm „Mobility of the Future“ und das Förderprogramm klimaaktiv mobil durchgeführt.

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Masterpläne Radverkehr: Nach Martin Eder teilte Andrea Weninger von Rosinak & Partner ihre umfassenden Erfahrungen mit der Erstellung von Radfahr-Masterplänen vor. Sechs Punkte sind ihrer Ansicht nach für solche Planungsprozesse essentiell. Ein Erfolgsfaktor ist, Masterpläne anzustreben, die auf die Bedürfnisse der NutzerInnen ausgerichtet sind und von lokalen Radfahrenden inspiriert sind. (Aktuell wurde von Rosinak und Partner ja soeben der neue Masterplan für die Stadt Salzburg präsentiert: Artikel)

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Sammlung und Analyse von Radfahrdaten: Andreas Friedwagner (Verracon) setze mit eines GIS-basierten Analyse der Erreichbarkeit von Alltagszielen und der Reisezeiten von Radfahrenden in Vorarlberg fort. Seine Karten zeigen deutlich, welche Gebiete in Sachen Radfahrinfrastruktur gut erschlossen sind und wo Verbesserungen gemacht werden müssen, um Menschen zu motivieren vom Auto auf aktive Mobilität umzusteigen (Ausführlicher Artikel). Interessanterweise stellte Verracon in dessen Studien fest, dass Geschwindigkeits-Beschränkungen für Autos (30 kmh in Wohngebieten) den direktesten Einfluss auf die Radfahrsicherheit insgesamt haben. BikeCitizens -CEO Daniel Kofler zeigte anschließend die Virrteile, Routing, Navigation, Werbung mit Gamification-Elementen und Radfahr-Wissen in eine einzige App zu packen: Die Bike Citizens-App.

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Wissenschaftliche Studien: Die  Vortragsstunde endete mit zwei Beiträgen aus Forschungseinrichtungen: Zunächst gab Martin Loidl vom Interfakultären Fachbereich für Geoinformatik Z_GIS an der Universität Salzburg einen Überblick über drei laufende Forschungsprojekte, um das Grundprinzip der evidenzbasierten Entscheidungsfindungen für Radverkehrsverbesserungen zu untermauern: „Bikealyze“ sammelt Daten via Smartphone und stellt sie in räumlichen Zusammenhang mit Radinfrastuktur, „Gismo“ analysiert Daten für optimierte Gesundheitsvorsorge und „Famos“ evaluiert radverkehrsdaten.

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Als Abschluss stellte Markus Straub vom AIT Austrian Institute of Technology zwei Projekte mit Fokus auf räumlicher Optimierung vor: Mit dem EMILIA-Projekt soll die Paketzustellung in Städten optimiert werden. Damit das funktioniert, sollte die „Last Mile“ von zentralen Verteilungsknoten zum Konsumenten mit Lastenrädern erfolgen. AIT hat einen Algorithmus zur Routenoptimierung für die ausliefernden Radfahrenden entwickelt. Im BBSS-Projekt wiederum wurde ein Planungs-Tool, das spezifisch für die Optimierung der Positionierung von Fahrrad-Verleihstationen entwickelt. Es erlaubt Planern, die potentielle Nachfrage für jedes Stadtgebiet abzuschätzen.

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Radkompetenz auf vielen Bühnen

Ergänzend zur Radkompetenz-Session „The way up!“ waren weitere Radkompetenz-Mitglieder auf den Präsentationsbühnen der Konferenz im Einsatz: Wiens Radbeauftragter Martin Blum und sein Mitarbeiter Daniel Böhm zu Wiens Lastenrad-Offensive bzw. U-Bahn Ersatzverkehr per Rad; Martin Eder zum Pan-Europäischen Masterplan Radfahren; Eliza Brunmayr von der Radlobby und Tina Panian von FGM-AMOR zu Radkursen für Migrantinnen; Radlobby-Sprecher Alec Hager zum Themenbereich „Am Menschen orientierte Infrastrukturplanung“.

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Natürlich diente auch der Radkompetenz-Stand direkt vor den Türen des Plenarsaals als Anziehungspunkt – das Motto „Climber Nation: we know the way up!“ war hier als Kletterturm mit Gewinnspiel erlebbar: ein preisgekröntes VELLO-Faltrad sowie ein RAINCOMBI-Anzug wurden zum Abschluss der Konferenz live verlost. Der Präsentationsstand wurde von Radkompetenz-Mitglied katapult gestaltet und mit einer Kletterskulptur von grip architects aus Wien und einem rollenden Truck-Messestand von Radkompetenz-Mitglied MCS ausgestattet. Das verloste VELLO fährt jetzt übrigens durch Dänemark!

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Download: alle Präsentationen der Konferenz finden Sie hier bei ECF European Cyclists Federation.

Veröffentlicht am 27. Juni 2017