Mexico City: 36 Kilometer Rad-Highway anlässlich der Fußball-WM

Luftbild neuer Radweg Calzada Tlalpan Mexico City

Das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wird im Estadio Azteca von Mexiko City ausgetragen, einem der größten Stadien der Welt. Die WM bietet nun den Anlass, binnen zehn Monaten einen rund 36 Kilometer langen Rad-Highway quer durch die mexikanische Hauptstadt zu errichten. Wir widmen uns in unserer neuen Reihe „Blick in die Welt“ einem Megaprojekt, das bezüglich der Errichtungsgeschwindigkeit und der eingesetzten Gestaltungselemente auch für Europa eine Inspiration sein kann.

Verkehrsprobleme in fünftgrößter Stadt der Welt

Skyline Mexico CDMX

Rund 22 Millionen Menschen wohnen in der riesigen Konglomeration, die ihre schweren Verkehrsprobleme in den letzten Jahrzehnten vor allem durch Schnellbuslinien, Ubahnen und Seilbahnen bekämpfte. Aber auch der Radverkehr spielt seit der Pandemie eine wichtige Rolle. Ab Juni 2026 sollen nun die WM-Besucher:innen das Estadio Azteca mit dem Rad sicher erreichen können. Die lokale Bevölkerung wird von der neuen Radverkehrsachse namens „Ciclovía Gran Tenochtitlán“ profitieren, die den Süden der Stadt mit dem historischen Zentrum verbindet, entlang der legendären Calzada de Tlalpan.

Radweg in CDMX

Was Österreich als „Pop-Up Radwege“ aus der Covid-Zeit kennt und in der internationalen Fachwelt als „Protected Bikelane“ bezeichnet wird, ist in Mexico City die vorherrschende Form der Radverkehrsführung.

Vom Azteken-Dammweg zur Stadtautobahn

Die Calzada de Tlalpan gehört zu den ältesten Verkehrsachsen Mexikos – und ist zugleich ein Symbol für den Wandel urbaner Mobilität. Schon im 15. Jahrhundert verband sie als Dammstraße die Aztekenhauptstadt Tenochtitlán, die auf einer Insel im Texcoco-See lag, mit der Siedlung Tlalpan am Festland. Als die spanischen Eroberer 1519 nach Zentralmexiko kamen und das Aztekenreich stürzten, wurde der See über Jahrhunderte schrittweise trockengelegt, um Baugrund für die neue koloniale Hauptstadt zu gewinnen.

Aus der einstigen Wasserstraße wurde so eine Landstraße – und schließlich eine der am stärksten frequentierten Stadtstraßen. Heute ist die Calzada de Tlalpan eine bis zu 52 Meter breite Stadtautobahn mit durchschnittlich je vier Fahrstreifen pro Richtung. Mehr als die Hälfte der Straßenfläche ist für Autos reserviert; hinzu kommen Metrotrassen, Busspuren und Gehwege. In diesem dichten Asphaltkorridor nun eine durchgängige Radroute zu schaffen, gilt als planerische und symbolische Meisterleistung.

Pop-Up-Radweg bereitet den Weg

Der Radweg Ciclovía Gran Tenochtitlán wurde am 1. April 2025 von der Bürgermeisterin Clara Brugada offiziell angekündigt. Der Baubeginn erfolgte Ende Juli 2025, die Fertigstellung ist bis spätestens zum Eröffnungsmatch am 11. Juni 2026 vorgesehen. Die Umsetzung erfolgt in Etappen – mit einer Mischung aus temporären und dauerhaften Elementen. In einem ersten Pilotabschnitt wurde eine Autospur über 1,5 Kilometer Länge in eine Radspur umgewidmet. Als Trennelemente kamen zunächst mobile Abtrennungen, Markierungen und Pflanztröge zum Einsatz – typische Werkzeuge des Tactical Urbanism, mit denen Städte weltweit erproben, wie sich Umgestaltungen von Verkehrsflächen in der Praxis bewähren.

Bikelane CDMX

In späteren Bauphasen werden die provisorischen Elemente (hier in Screenshots aus den Youtube Videos der Stadt Mexico) schrittweise durch fixe Bordsteine, Grünstreifen und neue Pflasterungen ersetzt. Insgesamt sollen drei Varianten der Abtrennung zum Einsatz kommen: mit Pflanztrögen, Trennsteinen oder als kombinierte Grünstreifenlösung.

screenshot Youtube Video Einweihungsfahrt provisorischer Radweg

Parallel dazu werden Gehsteige saniert, die Beleuchtung verbessert und neue Querungen geschaffen. Besonders entlang der Metrostationen Tasqueña und Universidad entstehen großzügige Fahrradabstellanlagen und sichere Übergänge, die den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr erleichtern. In mehreren Abschnitten wurden die Gehwege bereits neu gepflastert – ein Detail, das laut der lokalen Presse in der Bevölkerung viel Zustimmung findet. Kritik am Projekt richtet sich vor allem auf mögliche Nutzungskonflikte: Bus- und Autolenker:innen befürchten zusätzliche Staus, Motorradfahrer:innen nutzen den neuen Radweg  illegal mit und verursachen damit Sicherheitsprobleme. Eine besondere Herausforderung sind Sexarbeiter:innen, die sich um den Verlust ihrer gewohnten Arbeitsorte entlang der Calzada sorgen. Auch dafür sucht die Stadtverwaltung gemeinsam mit den Betroffenen nach guten Lösungen.

Projekgruppe mit Fahrrädern auf provisorischem Radweg

Mobilitätsimpuls durch die Fußball-WM

Die Fußball-Weltmeisterschaft wirkt dabei als Katalysator für urbane Transformation. Mexiko-City investiert rund 6 Milliarden Pesos (280 Mio. Euro) in begleitende Infrastrukturmaßnahmen, darunter Straßenumbauten und neue Rad- und Fußverbindungen, Beleuchtung und Metrostationen. Ziel ist es, den erwarteten Ansturm der Fußballfans klimafreundlich zu bewältigen und der Stadt zugleich einen zukunftsfähigen Mobilitätsimpuls mitzugeben. Die Ciclovía Gran Tenochtitlán verdeutlicht, dass selbst große Verkehrsachsen in kurzer Zeit und mit überschaubaren Mitteln neu gestaltet werden können – ein spannendes Beispiel nicht nur für Lateinamerika, sondern auch für europäische Städte.

Fahrrad in Mexico

Weiterführende Links (spanisch)

  • Artikel Calzada Flotante Tlalpan, Infobae
  • Ciclovía La Gran Tenochtitlan, Youtube
  • Avance de Construccion, Youtube

Fotos und Screenshots: SEMOVI Mexico City, OBRAS CDMX auf Youtube, Radkompetenz-Team, Wikimedia | Text: Klimabündnis Oberösterreich

Veröffentlicht am: 20. Oktober 2025Kategorien: Planung & ConsultingSchlagwörter: ,

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Luftbild neuer Radweg Calzada Tlalpan Mexico City

Das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wird im Estadio Azteca von Mexiko City ausgetragen, einem der größten Stadien der Welt. Die WM bietet nun den Anlass, binnen zehn Monaten einen rund 36 Kilometer langen Rad-Highway quer durch die mexikanische Hauptstadt zu errichten. Wir widmen uns in unserer neuen Reihe „Blick in die Welt“ einem Megaprojekt, das bezüglich der Errichtungsgeschwindigkeit und der eingesetzten Gestaltungselemente auch für Europa eine Inspiration sein kann.

Verkehrsprobleme in fünftgrößter Stadt der Welt

Skyline Mexico CDMX

Rund 22 Millionen Menschen wohnen in der riesigen Konglomeration, die ihre schweren Verkehrsprobleme in den letzten Jahrzehnten vor allem durch Schnellbuslinien, Ubahnen und Seilbahnen bekämpfte. Aber auch der Radverkehr spielt seit der Pandemie eine wichtige Rolle. Ab Juni 2026 sollen nun die WM-Besucher:innen das Estadio Azteca mit dem Rad sicher erreichen können. Die lokale Bevölkerung wird von der neuen Radverkehrsachse namens „Ciclovía Gran Tenochtitlán“ profitieren, die den Süden der Stadt mit dem historischen Zentrum verbindet, entlang der legendären Calzada de Tlalpan.

Radweg in CDMX

Was Österreich als „Pop-Up Radwege“ aus der Covid-Zeit kennt und in der internationalen Fachwelt als „Protected Bikelane“ bezeichnet wird, ist in Mexico City die vorherrschende Form der Radverkehrsführung.

Vom Azteken-Dammweg zur Stadtautobahn

Die Calzada de Tlalpan gehört zu den ältesten Verkehrsachsen Mexikos – und ist zugleich ein Symbol für den Wandel urbaner Mobilität. Schon im 15. Jahrhundert verband sie als Dammstraße die Aztekenhauptstadt Tenochtitlán, die auf einer Insel im Texcoco-See lag, mit der Siedlung Tlalpan am Festland. Als die spanischen Eroberer 1519 nach Zentralmexiko kamen und das Aztekenreich stürzten, wurde der See über Jahrhunderte schrittweise trockengelegt, um Baugrund für die neue koloniale Hauptstadt zu gewinnen.

Aus der einstigen Wasserstraße wurde so eine Landstraße – und schließlich eine der am stärksten frequentierten Stadtstraßen. Heute ist die Calzada de Tlalpan eine bis zu 52 Meter breite Stadtautobahn mit durchschnittlich je vier Fahrstreifen pro Richtung. Mehr als die Hälfte der Straßenfläche ist für Autos reserviert; hinzu kommen Metrotrassen, Busspuren und Gehwege. In diesem dichten Asphaltkorridor nun eine durchgängige Radroute zu schaffen, gilt als planerische und symbolische Meisterleistung.

Pop-Up-Radweg bereitet den Weg

Der Radweg Ciclovía Gran Tenochtitlán wurde am 1. April 2025 von der Bürgermeisterin Clara Brugada offiziell angekündigt. Der Baubeginn erfolgte Ende Juli 2025, die Fertigstellung ist bis spätestens zum Eröffnungsmatch am 11. Juni 2026 vorgesehen. Die Umsetzung erfolgt in Etappen – mit einer Mischung aus temporären und dauerhaften Elementen. In einem ersten Pilotabschnitt wurde eine Autospur über 1,5 Kilometer Länge in eine Radspur umgewidmet. Als Trennelemente kamen zunächst mobile Abtrennungen, Markierungen und Pflanztröge zum Einsatz – typische Werkzeuge des Tactical Urbanism, mit denen Städte weltweit erproben, wie sich Umgestaltungen von Verkehrsflächen in der Praxis bewähren.

Bikelane CDMX

In späteren Bauphasen werden die provisorischen Elemente (hier in Screenshots aus den Youtube Videos der Stadt Mexico) schrittweise durch fixe Bordsteine, Grünstreifen und neue Pflasterungen ersetzt. Insgesamt sollen drei Varianten der Abtrennung zum Einsatz kommen: mit Pflanztrögen, Trennsteinen oder als kombinierte Grünstreifenlösung.

screenshot Youtube Video Einweihungsfahrt provisorischer Radweg

Parallel dazu werden Gehsteige saniert, die Beleuchtung verbessert und neue Querungen geschaffen. Besonders entlang der Metrostationen Tasqueña und Universidad entstehen großzügige Fahrradabstellanlagen und sichere Übergänge, die den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr erleichtern. In mehreren Abschnitten wurden die Gehwege bereits neu gepflastert – ein Detail, das laut der lokalen Presse in der Bevölkerung viel Zustimmung findet. Kritik am Projekt richtet sich vor allem auf mögliche Nutzungskonflikte: Bus- und Autolenker:innen befürchten zusätzliche Staus, Motorradfahrer:innen nutzen den neuen Radweg  illegal mit und verursachen damit Sicherheitsprobleme. Eine besondere Herausforderung sind Sexarbeiter:innen, die sich um den Verlust ihrer gewohnten Arbeitsorte entlang der Calzada sorgen. Auch dafür sucht die Stadtverwaltung gemeinsam mit den Betroffenen nach guten Lösungen.

Projekgruppe mit Fahrrädern auf provisorischem Radweg

Mobilitätsimpuls durch die Fußball-WM

Die Fußball-Weltmeisterschaft wirkt dabei als Katalysator für urbane Transformation. Mexiko-City investiert rund 6 Milliarden Pesos (280 Mio. Euro) in begleitende Infrastrukturmaßnahmen, darunter Straßenumbauten und neue Rad- und Fußverbindungen, Beleuchtung und Metrostationen. Ziel ist es, den erwarteten Ansturm der Fußballfans klimafreundlich zu bewältigen und der Stadt zugleich einen zukunftsfähigen Mobilitätsimpuls mitzugeben. Die Ciclovía Gran Tenochtitlán verdeutlicht, dass selbst große Verkehrsachsen in kurzer Zeit und mit überschaubaren Mitteln neu gestaltet werden können – ein spannendes Beispiel nicht nur für Lateinamerika, sondern auch für europäische Städte.

Fahrrad in Mexico

Weiterführende Links (spanisch)

  • Artikel Calzada Flotante Tlalpan, Infobae
  • Ciclovía La Gran Tenochtitlan, Youtube
  • Avance de Construccion, Youtube

Fotos und Screenshots: SEMOVI Mexico City, OBRAS CDMX auf Youtube, Radkompetenz-Team, Wikimedia | Text: Klimabündnis Oberösterreich

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