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Neue Studie: Radtourismus und Verleihpotential in Österreich

Das Fahrrad als Alltagsverkehrsmittel und der Fahrradtourismus legen kräftig an Bedeutung zu. In einer vom Radkompetenz-Mitglied Austrian Institute of Technology (AIT) gemeinsam mit der MODUL University Vienna für das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT) durchgeführten Studie wurden nationale sowie internationale Radverleihsysteme analysiert und gemeinsam mit ExpertInnen Erfolgsfaktoren sowie das zukünftige Potential erhoben.

Ausgangslage der Studie war eine umfangreiche Bestandserhebung von Radverleihsystemen
in Österreich mit starkem Fokus auf Systemen, die über mindestens zwei Standorte verfügen, bei denen Fahrräder angemietet und zurückgegeben werden können. Die Erhebung erfolgte mittels Internetrecherche, Anfragen bei BetreiberInnen, E-Mail Interviews und Telefoninterviews. Insgesamt wurden 40 Radverleihsysteme erhoben. Eine Übersicht über die regionalen Schwerpunkte der Systeme ist in der Abbildung dargestellt. an vorderster Stelle befindet sich dabei Radkompetenz-Mitglied Kaloveo als B2B-Anbieter für Hotelerie und Gemeinden.

Verortung der regionalen Schwerpunkte der erhobenen Radverleihsysteme in Österreich; Österreichweit agierende Systeme ohne regionale Schwerpunkte sind im Kasten links unten festgehalten (Hintergrundkarte © OpenStreetMap-Mitwirkende)

Bestandserhebung

Zur Bestandserhebung der österreichischen Verleihsysteme wurde ein Kriterienkatalog
erstellt und die Erfüllung jedes Kriteriums entsprechend eines Bewertungsschemas überprüft und eine Einstufung vorgenommen. Das Bewertungsschema umfasst fünf Stufen von sehr gut (++) über neutral (~) bis sehr schlecht (–). Der Kriterienkatalog umfasst die folgenden Merkmale:

  • ZUGANG
    Dieses Kriterium zielt darauf ab, darzustellen, wie hoch die Einstiegshürde für touristische NutzerInnen ist. Es wird bewertet, ob Kredit-/Bankomatkartenbesitz vorausgesetzt wird, auf welche Arten die Buchung möglich ist (telefonisch, online, vor Ort mit/ohne Personal), ob Personal für Rückfragen zur Verfügung steht und ob ein Verleih erst über 14 Jahren möglich ist.
  • FLEXIBILITÄT
    Hierbei wird dargestellt,wie flexibel das System genutzt werden kann. Es wird bewertet, ob das System ganzjährig verfügbar ist, es beschränkte Öffnungszeiten gibt und eine direkte Abholung möglich ist. Ob die Fahrräder direkt abgeholt werden können oder zusätzliche
    Wartezeiten einzurechnen sind, wird ebenfalls bewertet.
  • GRÖSSE/AUSDEHNUNG
    Es wird die Flottengröße im Verhältnis zur räumlichen Ausdehnung bzw. die Wahl der Standorte bewertet. Die Netzdichte zeigt, wie attraktiv eine Nutzung an sich ist, und die Wahl der Standorte gibt Aufschluss über die Tauglichkeit für touristische Zwecke bzw. welche Ausflugsarten ermöglicht werden. Die Option zur Lieferung an den Wunschort wird automatisch als sehr gut (++) bewertet. Die Bewertung der Anzahl der Standorte erfolgt in Relation zur Gemeinde/Regionsgröße.
  • ZUBEHÖR
    Es wird erhoben, ob vom selben Anbieter Zubehör bereitgestellt wird bzw. in welcher Bandbreite. Dazu zählen Helme, Kindersitze, Flickzeug, Anhänger u.v.m. Ein besonderer Fokus der Bewertung liegt auf Fahrradhelmen.
  • KOSTEN
    Es werden jene Kosten bewertet, die für EndnutzerInnen anfallen. Relevant sind vor allem die Mietoptionen pro Stunde und pro Tag sowie Anmeldegebühren und/oder Kautionen. Es wird aber genauso darauf geachtet, ob das Verleihsystem ein zeitliches Limit vorgibt oder flexibel ist.
  • VERSCHIEDENE FAHRRADTYPEN
    Verleihsysteme im Tourismus sollten verschiedene Fahrradtypen zur Verfügung haben, welche den Bedürfnissen von Gästen und NutzerInnen am ehesten entsprechen. Dazu zählen nicht nur Kinder- und Jugendräder, sondern genauso Trekkingbikes und Mountainbikes in ländlichen Gebieten oder E-Bike Variationen.
  • SPRACHEN
    Deutschkenntnisse sollten keine Voraussetzung für die Nutzung des Verleihsystems sein, da es einen Großteil der Gäste von der Nutzung ausschließt. Das Angebot sollte zumindest in Englisch verfügbar sein, um den Ansprüchen einer touristischen Nutzung zu genügen. Im Idealfall ist es sogar mehrsprachig, wobei nicht alle Informationskanäle in mehreren Sprachen verfügbar sein müssen.
  • EXPERTINNENBEFRAGUNG
    Es wurden insgesamt sechs ExpertInnen interviewt, um das zukünftige Entwicklungspotential für Fahrradverleihsysteme mit Fokus auf der touristischen Nutzung in Österreich bewerten zu können.

Ergebnisse

Die kumulierten Ergebnisse sind in der Abbildung ersichtlich. Am besten bewertet hinsichtlich Zugang und Flexibilität wurden Aktive Bike und Grazbike. Eine der größten Hürden beim Zugang stellt die Notwendigkeit einer Kreditkarte für die Anmeldung oder als Zahlungssicherheit dar, wie sie derzeit bei vielen Radverleihsystemen besteht. Während die meisten Systeme relativ gute Bewertungen hinsichtlich der Größe/Ausdehnung erfuhren, gibt es großen Nachholbedarf beim Zubehör. Hier erreichten lediglich neun der 40 Systeme die bestmögliche Bewertung. Hinsichtlich der anfallenden Kosten wurde immerhin knapp die Hälfte mit sehr gut bewertet und in Bezug auf die Auswahl an verschiedenen Fahrradtypen etwas mehr als ein Drittel. Ebenfalls ausbaufähig ist das Angebot der Services in verschiedenen Sprachen. Lediglich drei Anbieter bieten Informationen zum Radverleih zusätzlich zu Deutsch und Englisch in zwei oder mehr Sprachen an und erreichen so eine große Gruppe an potentiellen KundInnen.

Individualität besonders wichtig

Als die drei wichtigsten Erfolgsfaktoren für den touristischen Radverleih wurden die Möglichkeit zur persönlichen Betreuung, hohe Qualität und Anpassung an individuelle Bedürfnisse, sowie attraktive Fahrradinfrastruktur und -routen identifiziert. So wurde von den befragten ExpertInnen vor allem eine intensive Service- und KundInnenbeziehung hervorgehoben, um individuell abgestimmte Angebote bieten zu können. Zunehmend wichtig für KundInnen ist auch die Möglichkeit der Einwegmiete für Radfahrten von A nach B.

Während viele Aspekte des aktuellen Angebots gut bewertet wurden gibt es unter anderem Nachholbedarf beim Angebot von Zubehör und Mehrsprachigkeit. Die größte Herausforderung stellt jedoch die Tatsache dar, dass die vielen verschiedenen Radverleihsysteme eine weitgehend heterogene Systemlandschaft aus inkompatiblen Systemen bilden. Ein überregionales Gesamtkonzept fehlt, womit touristisches Potential in diesem Bereich ungenutzt bleibt.

Großes Potential

Das Potential von Fahrradangeboten im Tourismus wird gemeinhin als sehr groß angesehen. Für die Zukunft wird von einem weiteren Anstieg des Radverleihs ausgegangen, der durch gesteigerte Professionalisierung der Verleihsysteme sowie individualisierte und kundenorientierte Angebote gefördert wird. Auch die weitere technische Entwicklung im E-Bike-Sektor hilft bei der Erschließung neuer Nutzungsgruppen. Gleichzeitig werden Kooperationen wichtiger, um das Gesamtangebot zu verbessern. Als visionäre Lösung dieser Herausforderung und der identifizierten derzeitigen Mängel wird ein gemeinsames Auskunfts- und Buchungssystem für alle Radverleihsysteme in Österreich oder sogar darüber hinaus identifiziert und der mögliche Weg dorthin skizziert.

Die 23-seitige Broschüre des BMNT „Bestandsaufnahme der Radverleihsysteme in Österreich mit Fokus auf touristischer Nutzung“ mit den Studienergebnissen ist HIER erhältlich, dazu auch bei AIT dieser ARTIKEL

Fotos und Grafiken: KTM, AIT, BMNT

 

Veröffentlicht am 28. Juni 2018