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Gesundheit! Radverkehr als wertvolles Präventionsmittel

Die positiven Auswirkungen aktiver Mobilität auf die Gesellschaft ist auch finanziell messbar: Immer mehr Studien belegen die positiven Gesundheitsaspekte von aktiver Mobilität – auch in Städten. Aber vor allem beim Fahrradfahren ist es wichtig, dass die Rahmenbedingungen passen. Warum Radfahren als Verkehrsmittel ein echter Gesundheitsmotor ist, haben wir für eine Schwerpunktausgabe des Magazins „zoll+“ zusammenfassend dargelegt.

Positive Effekte überwiegen 

„Du lebst viel ungesünder als ich!“, sagt der Raucher zur Stadt-Radlerin halb im Scherz. Aber dennoch spiegelt diese Bemerkung das weit verbreitete Missverständnis wieder, dass aktive Mobilität im städtischen Bereich wegen der mangelnden Luftqualität nicht gesund sein kann.
Umfassende akademische Forschungen (Tainio et al 2016) haben jedoch gezeigt, dass selbst in Städten mit einer doppelt so hohen Feinstaubbelastung wie Wien die positiven Effekte von Radfahren auf die Gesundheit noch immer überwiegen. Je nach Luftqualität kehrt sich diese Situation erst nach mehreren Stunden Radfahren in der Stadt um.

Außerdem kommen die Studienautoren zu dem Schluss, dass die Alternative, das Auto zu benutzen, gesundheitlich weit mehr Schaden verursacht. Grund dafür sind die dadurch emittierten Umweltgifte rund um und im Automobil selbst sowie der Bewegungsmangel der Insassen. Diese Zivilisationskrankheit gilt es zu vermeiden, also ist auch zu Hause zu bleiben keine Alternative.

Mehr Radverkehr macht Städte gesünder

Noch deutlicher bringt es eine ganz aktuelle europäische Studie (N. Mueller et al 2018) unter Beteiligung der Wiener Universität für Bodenkultur auf den Punkt: „Würden alle 167 europäische Städte einen Radfahranteil von 24,7% erreichen, könnten 10.000 verfrühte Todesfälle pro Jahr vermieden werden.“ In Wien sind wir mit einem Anteil von 7% von diesem Ziel noch weit entfernt, aber die gute Nachricht ist, dass die österreichische Hauptstadt somit noch viel Potential hat, die Sterblichkeit zu verringern, die oft mit autozentrischer Mobilität in Städten einhergeht. Für diese sogenannte PASTA-Studie, gefördert im gleichnamigen EU-Projekt für aktive Mobilität, wurde neben der Luftqualität auch der Effekt physischer Aktivität auf die Gesundheit, sowie Verkehrstote quantifiziert.

Diese Erkenntnisse stimmen mit jenen der WHO überein, die eine ähnliche Zahl an vermeidbaren Todesfällen bei einem Radverkehrsanteil von 26% berechnete. „Unsere Studie vermehrt damit die wachsende Zahl der Beweise dafür, dass Radfahren als Fortbewegungsmittel erhebliche Gesundheitsnutzen bringt und als Gesundheitsmaßnahme im städtischen Bereich gefördert werden sollte,“ so die PASTA-AutorInnen.

Die Studie betont den Zusammenhang zwischen der Ausweitung der Radfahrinfrastruktur und der Zunahme des Radverkehrsanteils in europäischen Städten. Besser ausgebaute Verkehrsanlagen erhöhen den Anreiz auf das Rad umzusteigen. In der Folge steigt somit der positive Effekt des Fahrradfahrens auf Gesundheit aber auch auf die Kosten für die Allgemeinheit.

Gesundheit ist wertvoll

Wie wichtig physische Aktivität nicht nur für die individuelle Gesundheit sondern auch für die Vorbeugung von Krankheiten wie Fettleibigkeit und Herz-Kreislauf-Probleme ist, zeigen Studien mit Kindern besonders deutlich. In den Niederlanden und in Norwegen weisen junge Erwachsene, die regelmäßig mit dem Rad zur Schule gefahren sind, eine deutlich niedrigere Tendenz zur Fettleibigkeit auf (Bere et al 2011).

Insgesamt ist die Lebenserwartung der Niederländer aufgrund aktiver Mobilität mit dem Fahrrad um ein halbes Jahr gestiegen und dieser positive Effekt wurde auch quantifiziert: „Diese Gesundheitsvorteile entsprechen mehr als 3% des niederländischen BIP.“ (Fishman 2015) Aber sogar für die radfreundlichen Niederlande sehen die Autoren dieser Studie ein Verbesserungspotential durch einen weiteren Ausbau der Radfahrinfrastruktur.

Die European Cyclists Federation fasst hier positive Effekte von Radverkehsmaßnahmen zusammen.

Volkswirtschaftlichen Kosten für Gesundheitsschäden durch Kfz

Praktisch alle Forscher im Bereich des städtischen Verkehrs sind sich einig, dass der gesundheitliche und gesellschaftliche Schaden, die Autos verursachen, beziffert werden kann. Laut Zahlen der EU verursacht das Phänomen „Verkehr“ jährlich etwa 500 Mrd. Euro externe Kosten (VCÖ 2017). Diese volkswirtschaftlichen Kosten für Gesundheits- und Umweltschäden werden vor allem vom motorisierten Individualverkehr durch Abgase, Lärm und Unfälle verursacht. Dabei sind Faktoren wie Zeitverlust durch Stau noch gar nicht mit einberechnet. Über 70% der „externen Kosten“ gehen auf den Personenverkehr zurück. Lastenverkehr macht nur einen geringen Anteil aus. Andere Nebenkosten „autozentrischer“ urbaner Mobilität (Mueller et al. 2018) sind der „Verlust von natürlichen Außenflächen“, Platzmangel, Staukosten und die Kosten für Infrastruktur.

Auf der anderen Seite wird auch immer öfter der gesellschaftliche Nutzen des Umstieg auf das Fahrrad finanziell beziffert: jeder Radkilometer erspart dem Gesundheitssystem 30 €-Cent, wie das von der WHO zur Verfügung gestellte HEAT-Tool errechnet. Diese Matrix, das Health Economic Assessment Tool, kann zur Ermittlung wirtschaftlicher Auswirkungen des Gesundheitszustands einer Gesellschaft herangezogen werden.

Auch ohne die oben erwähnten Zusatzkosten des derzeitigen Verkehrs zu berücksichtigen ergibt sich für Wien beim Ausbau von Radfahranlagen um 10% ein volkswirtschaftlicher Nutzen von 22 Euro zu jedem, der investiert wurde. Für Zürich und Rom ergeben sich noch weit höhere Kosten-Nutzen-Verhältnisse. (Mueller et al 2018) (Abb. 1).

Getrennte Wege und Motivation

Gut geplante Radfahrinfrastruktur und ein hoher Radverkehrsanteil können hierbei nicht nur helfen offensichtliche Konflikte auf der Straße zu vermeiden, sondern haben darüber hinaus noch viel weitreichendere Auswirkungen auf den Verkehr. Ganz nüchtern statistisch betrachtet zeigen Zahlen der EU, dass in den Niederlanden bei sehr hohem Radfahranteil die Anzahl von tödlichen Fahrradunfällen im Straßenverkehr weitaus geringer ist als etwa in Rumänien oder Polen. Dort sind nicht nur weniger Radfahrende unterwegs, sondern auch weitgehend auf der Straße. Natürlich herrscht in den Niederlanden auch eine andere Wahrnehmung von Fahrradfahrenden durch motorisierte Verkehrsteilnehmer und ihre schiere Zahl erhöht den Sicherheitsaspekt noch weiter, was wissenschaftlich als „Safety in Numbers“-Effekt bezeichnet wird.

Argumente für getrennte, gut geplante Radfahrinfrastruktur finden sich in vielen Studien und Forschungsberichten. Es wird unter anderem empfohlen (Ramos et al 2015) Fahrradfahrende auf wenig befahrene Straßen umzuleiten, denn bei Anstrengung werden mehr Schadstoffe eingeatmet. Allgemein sieht die Studie jedoch eine größere Gesundheitsbelastung für BenutzerInnen öffentlichen Verkehrs sowie AutofahrerInnen selbst, vor allem durch den Mangel an Bewegung. Aber auch die Schaffung baulich getrennter Radstreifen neben stark befahrenen Routen hat schon positive Auswirkungen (Schepers et al 2015), vor allem weil dadurch der Radverkehrsanteil steigt.

Eine auf Österreich zugeschnittene Studie des Austrian Institute of Technology AIT zur Motivation auf aktive Mobilität umzusteigen (Markvica et al 2016) zeigt prinzipiell eine breite Bereitschaft der Bevölkerung z.B. das Auto stehen zu lassen und lieber zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Arbeit zu gelangen (Abb. 2). Das Radkompetenz-Mitglied AIT hat sich auch mit den Gründen befasst, warum diese Bereitschaft nicht in die Praxis umgesetzt wird: Eine Mobilitätsstudie (AIT 2016) für einen Wiener Gemeindebezirk zeigt, dass vor allem das Fehlen von Radabstellanlagen und Radwegen Menschen davon abhält regelmäßiger dieses Transportmittel zu wählen.

Manchmal reicht jedoch ein erster Anstoß, um Leute auf den Geschmack zu bringen: Die Initiative „Radelt zur Arbeit“ der Radlobby Österreich hat allein im vergangenen Jahr 5 Millionen Radkilometer „gesammelt“ und damit knapp 800 Tonnen CO2 vermieden. Darunter sind natürlich auch Menschen, die ohnehin zur Arbeit geradelt wären, aber die steigende Gesamtdistanz zeigt auch einen Trend zum Umdenken. Der Gesundheitsnutzen dieser Gesamtdistanz würde laut HEAT-Tool 1,5 Mio. Euro für Österreichs Volkswirtschaft betragen.
Wie hoch der Gesundheitsnutzen konkret ist, wurde u.a. im Projekt GISMO unter Leitung des Radkompetenz-Mitglieds Z-GIS (Fachbereich Geoinformatik an der Universität Salzburg) empirisch sowie mit einer klinischen Studie getestet. Dessen Ergebnisse werden sowohl in „Zoll+“ als auch hier auf unserer Website präsentiert (LINK).

Radfahren ist also gesund, auch in der Stadt – oder sogar gerade dort, weil es nicht nur die individuelle Gesundheit durch aktive Mobilität fördert sondern auch die Luft- und Lebensqualität für die Allgemeinheit. Die Plattform „Radkompetenz Österreich“ setzt sich für gute Rahmenbedingungen für Radfahrende ein, um diese Gesundheitseffekte zu steigern.

Literaturhinweise:

  • AIT: Smarter Together = Mobility Survey 2016
  • E. Bere et al: The association between cycling to school and being overweight in Rotterdam (The Netherlands) and Kristiansand (Norway), in: Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports (2011), 21: 48–53
  • Elias Fishman, PhD, et al: Dutch Cycling: Quantifying the Health and Related Economic Benefits, in: American Journal Public Health (2015); 105:e13–e15
  • Karin Markvica et al: Using Milieu-Based Communication Strategies for Changing Mobility Behaviour Towards Low Energy Modes = Conference Report from BEHAVE 2016, 4th European Conference on Behaviour and Energy Efficiency
  • David Martínez-Gómez, MSc, et al: Active Commuting to School and Cognitive Performance in Adolescents, in: Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine 2011;165(4):300-305. Published online December 6, 2010
  • Natalie Mueller et al: Health impact assessment of cycling network expansions in European cities, in: Preventive Medicine (to be published 2018)
  • Carla A. Ramos et al: Air pollutant exposure and inhaled dose during urban commuting: a comparison between cycling and motorized modes, in: Air Quality, Atmosphere, and Health (2016)
  • Paul Schepers et al: The mortality impact of bicycle paths and lanes related to physical activity, air pollution exposure and road safety, in: Journal of Transport & Health 2 (2015) 460–473
  • Marko Tainio et al: Can air pollution negate the health benefits of cycling and walking?, in: Preventive Medicine 87 (2016) 233–236
  • VCÖ, Ausgeblendete Kosten des Verkehrs = Mobilität mit Zukunft 03/2017

Fotos: Peter Provaznik/Die Radvokaten

 

Veröffentlicht am 29. Juni 2018