Aktuelles

Der Virus hat den Radhandel befallen

Die Bekämpfung der Ausbreitung des Corona-Virus COVID-19 macht es bislang unvermeidlich: Geschäfte und Betriebe sind seit 16. März geschlossen, bis auf wenige Ausnahmen. Nun steht laut Kanzler Kurz eine Lockerung für den Handel ab 14. April in Aussicht. Wir lassen Radhandel, Wirtschaftskammer und Radwirtschaft zur Situation zu Wort kommen. Welche Folgen hat die Schließung und welche Forderungen stehen im Raum? Radwerkstätten wurden ja ebenso wie Kfz-Werkstätten von den Schließungen ausgenommen, Radgeschäfte und Verkaufsbereiche sind jedoch geschlossen – das schmerzt vor allem im sonst umsatzstarken aber nun ausbleibenden Ostergeschäft. Nach aktuellen Informationen (ORF) vom 6. April dürfen nach Ostern Geschäftslokale mit bis zu 400 Quadratmeter Fläche wieder öffnen, mit Auflagen

Düstere Aussichten als Betreiber eines Fahrradgeschäfts

Starbike ist ein Fahrradgeschäft mit Werkstatt im Zentrum Wiens, das vom Stadtrad über Rennrad bis hin zum Mountainbike und E-Bike ein breites Spektrum an Rädern anbietet. Die Betreiber sind Ende 2019 ins Nordbahnviertel gezogen und haben einen wunderschönen Shop gebaut, der das Thema Fahrrad, Bekleidung und Zubehör so präsentiert, wie es das Fahrrad verdient. Insgesamt sind sechs Personen bei Starbike beschäftigt. Die Inhaber Martin Tolksdorf und Michael Knoll stehen täglich im Geschäft. Michael Knoll (Bild) schildert die aktuelle Situation mit Stand 2. April 2020 so:

„Die Krise hat für uns bereits eine Woche vor dem Shutdown begonnen, da die medial verbreitete Unsicherheit trotz guten Wetters für ein schlechtes Geschäft sorgte. Lediglich am letzten offenen Samstag, dem 14.3., kamen viele KundInnen und kauften noch auf die Schnelle ein Fahrrad – um sicherzugehen, ein Transportmittel zu haben. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nur, dass wir ab folgendem Montag nicht mehr geöffnet haben dürfen, ohne definitive Auskünfte über Ausnahmen für Radwerkstätten – im Gegensatz zu Kfz-Werkstätten, die sofort berücksichtigt wurden. Ich verstehe, dass diese Situation bisher einzigartig war, aber die lange Dauer bis zur Rechtssicherheit war irritierend.

Handel nein, Reparatur ja?

Wir ergreifen alle Maßnahmen, um die Ansteckungsgefahr für KundInnen und Mitarbeiter bei Reparaturannahmen so gering wie möglich zu halten. Daher ist es für mich nicht nachvollziehbar, wieso ich zwar meine Werkstatt betreiben darf, aber unter denselben Bedingungen im gleichen Lokal nicht mein Geschäft. Es spräche aus meiner Sicht nichts dagegen, kontaktlos Ware anzubieten und diese zu verkaufen. Wir haben von Anfang an den Verkauf via Telefon und Email angeboten, arbeiten gerade auch an unserem Onlineshop. Einem kontaktlosen Verkauf mit Abholung steht aus unserer Sicht nichts im Weg.

Der neu gestaltete Bikeshop von Starbike Wien – ohne KundInnen

Besonders nachdem nun alle einkaufenden Menschen aus guten Gründen Schutzmasken tragen müssen, wäre ein Öffnen des Handels sinnvoll und machbar, zumindest im Fall von Fahrradgeschäften, deren Werkstatt weiterhin geöffnet ist. In jedem geöffneten Supermarkt ist die Personendichte ein Vielfaches höher. Ich bin der Meinung, dass gerade jetzt Fahrrad, Ersatzteile und Zubehör durchaus Güter des täglichen Bedarfs sind und verkauft werden sollten. Was die Situation für uns noch weiter verschärft, ist das Angebot von Supermärkten und Lebensmitteldiscountern, die jetzt Fahrräder, E-Bikes und Zubehör entweder ins Sortiment aufnehmen werden oder bereits verkaufen. Es handelt sich dabei um eine Schräglage in Sachen Wettbewerb, außerdem wird der lokale Markt mit minderwertigen Produkten überschwemmt, ohne dass lokale Unternehmen an der Wertschöpfung teilnehmen. Der Preisdruck ist durch den Onlinehandel schon hoch, wenn wir unsere Stärke, die persönliche Beratung, nicht ausspielen können, können wir am Markt nicht erfolgreich bestehen.

Der Fahrradhandel ist traditionellerweise ein Saisongeschäft, jetzt gerade würde die Hauptumsatzzeit beginnen, in der wir auch Reserven für die kalte Jahreshälfte aufbauen. Obwohl wir auf verschiedenen Kanälen arbeiten ist die Einkaufserfahrung im Fachgeschäft durch nichts zu ersetzen, wir stehen vor einem nahezu 100% Ausfall unseres Umsatzes und müssen noch dazu zuschauen, wie andere mit „unseren“ Produkten Geld verdienen.

Sicherstellung des wirtschaftlichen Überlebens

Wir stehen mit unserem Radladen vor einer enormen Herausforderung. Die angekündigte schnelle, unbürokratische Hilfe lässt derzeit noch zu wünschen übrig. Die Maßnahmen zur Kurzarbeit sind zwar bereits in Umsetzung, aber viele Details sind noch nicht geklärt und große Teile der Gehälter müssen wir trotzdem vorfinanzieren. Steuern konnten wir stunden, aber das bringt auch kein Geld aufs Konto. Die einzige Maßnahme, um Kapital zu bekommen, ist die AWS-Bankgarantie für Überbrückungskredite. Aber auch hier sind wir mittlerweile in der dritten Woche seit dem Antrag und warten noch auf Geld. Der Härtefonds deckt uns nicht ab, der Werkstattumsatz ist bei 20 bis 30% des Vorjahres, das heißt, hier kommt auch nicht genug Umsatz rein. Trotzdem müssen wir Rechnungen zahlen, Lieferanten bestehen zu einem großen Teil auf ihren Zahlungszielen, die Vororder ist bereits im Geschäft und muss bezahlt werden. Das heißt, wir haben de facto kein Einkommen, aber Zahlungen zu bedienen, die Lage ist ernst.

Volle Regale bei Starbike warten auf Kundschaft.

Hätten wir nicht auf Eigeninitiative neue Finanzierungsmöglichkeiten gesucht und gefunden – beispielsweise durch einen sehr erfolgreichen Aufruf zum Crowd-Investment (der Standard berichtete hier) – würden wir vor fundamentalen Problemen stehen. Wir haben nicht das Gefühl, dass für Unternehmen in unserer Situation und unserer Größe genug gemacht wird. Wir haben auch nicht das Gefühl, einen Ansprechpartner zu haben, der uns mit verbindlichen Informationen weiterhilft. Aber das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass wir jetzt Unterstützung brauchen, ist zum Glück sehr groß!“

Am 3. April folgte dieser offene Brief der Starbike-Besitzer an Bundesregierung und WKO, in dem sie die sofortige Öffnung von Radgeschäften unter strengen Rahmenbedingungen fordern. Anlass war die am 3. April verkündete „Solidaritätsmaßnahme“ von Diskontern wie Hofer und Lidl, die den Verkauf von Fahrrädern und Produkten zwar einstellen, aber erst nach der Hauptumsatzzeit der Karwoche.

Stellungnahme der Wirtschaftskammer

Mag. Michael Nendwich, Berufszweigvorsitzender Sportartikelhandel der Wirtschaftskammer Österreich, nahm für Radkompetenz am 30. März folgendermaßen zur Situation Stellung:

„Die Förderinstrumente in unserer Branche sind – wie in allen anderen auch – die Kurzarbeit, Liquiditätshilfen sowie der Härtefall-Fonds. Diese Möglichkeiten werden natürlich auch von unseren Mitgliedern in Anspruch genommen. Der Härtefall-Fonds mit einem Volumen von vorerst einer Milliarde Euro ist die rasche Erste-Hilfe Maßnahme der Bundesregierung für die akute finanzielle Notlage in der Corona-Krise. Die Beantragung ist bis Ende 2020 möglich, und zwar ausschließlich online.

Unerlässlich sind natürlich auch die Gesundheitsziele, deren Ziel es ist, die Kurve der Neuinfektionen mit dem COVID-19 Virus abzuflachen. Dazu bekennt sich der heimische Sport- und Fahrradfachhandel vollumfänglich. In einem Schulterschluss sieht die rot-weiß-rote Sportartikelbranche – die österreichische Sportindustrie, der Sportfachhandel und die ARGE Fahrrad – Möglichkeiten, wie wir mit dem Fortbewegungsmittel Fahrrad die Maßnahmen der Bundesregierung unterstützen können.

Das Fahrrad ist in diesen Krisenzeiten systemrelevant und Teil der wichtigen Infrastruktur: Es bietet als Verkehrsmittel eine gute und gesunde Möglichkeit, um ohne Ansteckungsrisiko von A nach B zu kommen. Geltende Ausgangsbeschränkungen, ein Sicherheitsabstand und Hygienevorschriften – die wir zu 100 Prozent mittragen – müssen dabei jedoch unbedingt eingehalten werden!“

Was sagt Österreichs größte Fahrradmarke?

Stefan Limbrunner, Geschäftsführer von Radkompetenz-Mitglied KTM in Mattighofen, dessen Produktionshallen im Normalbetrieb täglich über 1.000 Fahrräder verlassen haben, hofft auf baldige Öffnung von Radgeschäften. Unser Foto zeigt Stefan Limbrunner, als er Gesundheitsminister Rudi Anschober ein KTM-Dienstrad überreichte. Der nunmehrige Krisenmanager der Bundesregierung war damals noch Landesrat in Oberösterreich.

„KTM steht zu 100 % hinter den von der Regierung veranlassten Maßnahmen. Wir halten den harten Lockdown für eine definierte Zeit für sinnvoll. Wir erwarten von jedem, sich an die Vorgaben strikt zu halten. Keine Gruppenbildung, Sicherheits-Abstand, Minimierung der sozialen Kontakte.

Wir erfahren immer stärker, dass der Fahrradhandel einen wichtigen Beitrag in dieser Situation leisten kann. Nämlich, den Menschen mit einem Fahrrad ein Verkehrsmittel anzubieten, das einen natürlichen Mindestabstand gewährt. Das Fahrrad wird gerade in dieser Zeit immer dringender gewünscht, um den Öffentlichen Verkehr weiter zu entlasten. Darüber hinaus ist Radfahren gesund, stärkt Herz- und Kreislauf und somit das Immun-System. Deshalb wirbt Gesundheitsminister Anschober für das Radfahren. Da die Fahrrad-Werkstatt bereits als system-relevante Einrichtung weiter betrieben wird, zählt der Fahrradverkauf hoffentlich zu den Betrieben, die in einem ersten Liberalisierungs-Schritt wieder öffnen dürfen.“

Limbrunner stimmt damit mit Wiens Finanzstadtrat Peter Hanke überein, der im trend-Interview keine Alternativen zu einer strukturierten wirtschaftlichen Öffnung sieht: „Wir sollten schrittweise wieder öffnen, immer in Absprache mit den Gesundheitsexperten. Wir können nicht alles gleich wieder hochfahren. Strukturiert vorzugehen ist notwendig, aber eben schon in der zweiten Aprilhälfte.“

Positionspapier von Sportindustrie und Sportfachhandel

Die Entscheidung der Regierung für die schrittweise Öffnung im Handel findet auch Unterstützung durch eine Plattform, bestehend u.a. aus dem Verband der Sportartikelerzeuger und Sportausrüster Österreichs (VSSÖ) und der ARGE Fahrrad:

„Die stationären Verkaufsflächen im Sportfachhandel sollen ab 14. April wieder geöffnet werden. Selbstverständlich unter besonderen Hygienevorschriften. Ganz unabhängig vom Termin der schrittweisen Öffnung bzw. Reaktivierung der heimischen Wirtschaft: Körperliche Bewegung und sportliche Betätigung haben einen hohen Einfluss auf die physische und mentale Gesundheit. Es muss uns – vor dem Hintergrund der geltenden Ausgangsbeschränkungen und einem auf längere Sicht eingeschränkten Bewegungsfreiraumes zu Gunsten unser aller Gesundheit – dennoch gemeinsam gelingen, das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Bewegung und körperlicher Aktivität in der breiten Öffentlichkeit aufrecht bzw. hoch zu halten.

Um eine Öffnung der Fahrradverkaufsflächen möglich zu machen, müssen und werden auch
wir unseren Beitrag leisten, die Gesundheit unserer MitarbeiterInnen und KundInnen zu
schützen. D.h. Kundenverkehr nur unter bestimmten Voraussetzungen: max. 10
Personen/100 m2, Mindestabstand, Desinfektion beim Betreten des Geschäftes, usw.“

Die Unterzeichnenden:

(Fotos: WKO, KTM, NÖN, Starbike, OÖN)

Veröffentlicht am 31. März 2020