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Radverkehr international im Zeichen von Corona

Krisenzeiten bringen die Gesellschaftsordnung ins Wanken und bieten Chancen zur Transformation. Gewohnte Normalität wird in Frage gestellt und Gestaltungsräume für Interventionen tun sich auf. Das trifft aktuell auch auf den Radverkehr zu: von Restriktion bis Öffnung ist soeben alles möglich. Wir haben uns umgesehen – von Bogotá über Berlin bis Budapest, von Paris über New York nach Rom. Welche Maßnahmen werden international angesichts der COVID-19-Pandemie gesetzt?

Radfahren wird derzeit als gefährliche Freizeitbeschäftigung, die untersagt werden muss, oder als krisenresistentes Transportmittel, das Menschen in Städten mit dem nötigen Mindestabstand ans Ziel bringt, definiert. Wo wird Radfahren als Teil der Lösung der Verkehrsproblematik in Zeiten einer Pandemie genutzt, und wo eingeschränkt? Als Vorbild radeln Bogotá, Berlin und neuerdings Budapest voran, die Autospuren zu Radspuren umgewidmet haben. Auch Wien zog in letzter Minute am 9. April mit Straßenöffnungen vulgo „Corona-Wohnstraßen“ nach.

Bogotá radelt voraus

Eine der ersten Städte weltweit, die Radfahren als Teil der Lösung im Kampf gegen die Ausbreitung des COVID19-Virus erkannt hat, war die kolumbianische Hauptstadt Bogotá. Dort wurde bereits Mitte März – als gerade einmal ein Dutzend Fälle der Infektion in Kolumbien bestätigt waren – mehr Platz für Radfahrende geschaffen: 76 Kilometer temporäre Radfahrstreifen wurden geschaffen, um die sonst überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel zu entlasten und die Ansteckungsgefahr zu verringern.

Die Bürgermeisterin von Bogotá, Claudia López, beschrieb Fahrradfahren als „eine der hygienischsten Alternativen“ als Transportmittel, um die Ausbreitung „des Virus zu verhindern“, berichtete SmartCitiesWorld. Teilweise wurden über Nacht Autofahrstreifen zu Radwegen umgemodelt, meist durch das Aufstellen von Leitkegeln. Teile der Kreuzungen wurden mit mehr Ordnungspersonal besetzt, um das sichere Queren für Radfahrende und FußgängerInnen zu gewährleisten. Mittlerweile sind insgesamt über 117 Kilometer temporäre Radwege geschaffen worden, um das bereits bestehende Netz von 550 Kilometer zu erweitern. Andere Städte in Mittel- und Südamerika, wie z.B. Mexiko City, denken ähnliche Schritte an.

Bogotá schaffte rasch zusätzliche Radfahrstreifen. Foto: @nico_estupinan

Zwei Faktoren waren für diese Maßnahmen ausschlaggebend, die das überfüllte Schnellbussystem in Bogotá entlasten sollen: Ein Umstieg auf ein Privatauto ist mangels Besitz nicht möglich – anders als in z.B. Westeuropa, wo dieses Verhalten stark zu bemerken ist – und die wöchentlich an Sonntagen für Radausflüge autobefreiten Straßen namens „Ciclovia“ haben den Boden und die Bereitschaft für diesen Umstieg aufs Rad geschaffen. Die Ciclovias in Bogotá existieren übrigens bereits seit 1974!

New York City unter den Vorreitern

Auch in New York City wurden Straßenspuren in temporäre Radfahrstreifen umgewandelt, einige Straßenzüge wurden für den motorisierten Verkehr komplett gesperrt. Darüber hinaus wurden in der Stadt – bevor Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden – die öffentlichen Radverleihsysteme kostenfrei gestellt. Das hat Mitte März fast zu einer Verdoppelung der Nutzerzahlen im Vergleich zum Vorjahr geführt. Ähnliche Entwicklungen waren für Chicago zu vermelden.

Die Corona-Epidemie hat in New York des Weiteren zu einer lang erwarteten Änderung in der Zulassung von E-Bikes geführt: Bislang waren in dem Bundesstaat elektronisch motorisierte Fahrräder, die ohne Treten bewegt werden können, komplett verboten. Andere waren in einer legalen Grauzone. Um Zulieferer zu unterstützen wurden nun temporär jegliche Verbote gegen alle Arten elektronisch betriebener Fahrräder aufgehoben.

Alle diese Städte argumentieren einerseits, dass Radfahren als Verkehrsmittel genügend Abstand zu anderen Verkehrsteilnehmenden zulässt. Andererseits wird durch weniger Autoverkehr auch die Luftqualität verbessert. Das wiederum soll verhindern, dass zu viele Menschen mit Atemproblemen behandelt werden müssen, während das Personal und die Ressourcen dringend für die Behandlung von Corona-PatientInnen benötigt werden.

Krisenherde der EU: Italien, Spanien und Frankreich

Ebenfalls mit einem Gesundheitsargument, aber unter anderen Vorzeichen, wurden mit Verschärfung der Corona-Krise in Frankreich, Spanien und Italien fast alle Arten des Radfahrens verboten, vor allem mit Fokus auf sportliche Betätigung.

In Frankreich wurde mit 20. März der Bewegungsradius der Menschen auf rund 2 Kilometer außerhalb ihrer Wohnung beschränkt, Ende März sogar auf 1 Kilometer. Wenn man diesen Radius verlassen will, braucht man eine Genehmigung. Das gilt auch für Radausflüge. Das soll die Gefahr der Ausbreitung verringern, argumentieren die Behörden. Jegliche Art von sportlicher Betätigung außerhalb des Hauses wurde darüber auf eine Stunde beschränkt. Das Radfahren zur Arbeit ist jedoch weiterhin erlaubt, wenn eine Bestätigung vorliegt, dass man das Haus zu diesem Zweck verlassen muss.

Mit dem Rad zu fahren ist in Italien und Spanien derzeit als sportliche Betätigung verboten, auch wenn es sich um eine Einzelfahrt handelt. Zur Arbeit darf man radeln, das Fahrrad ist in den meisten Köpfen jedoch noch nicht als tägliches Transportmittel verankert und wird daher selten als Alternative herangezogen. Aus Italien wurde über die sozialen Medien auch berichtet, dass pendelnde Radfahrende aus Autos beschimpft wurden.

Deutschland: Berlin schafft temporäre Radspuren

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn sagte explizit, dass „zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren Ansteckung vermeidet”. In Berlin wurde das Beispiel Bogotá aufgegriffen und mit 25. März erste temporäre Maßnahmen zur Verbesserung der Radinfrastruktur gesetzt, indem Radspuren auf der Kfz-Fahrbahn abgegrenzt wurden. Zum einen wurde eine Aufstellfläche für Fahrradfahrende im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg verbreitert. Zum anderen wurde durch Schließung einer Autospur „ein gesonderter Radweg auf der Fahrbahn am Halleschen Ufer von Höhe Hallesches Tor bis Köthener Straße“ geschaffen, so die Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz.

Diese Maßnahmen sollen evaluiert und gegebenenfalls auf andere Bezirke bzw. sogar auf das gesamte Stadtgebiet ausgeweitet werden. Inzwischen hat die Berliner Verkehrsverwaltung den Bezirken einen Leitfaden erstellt: „Regelpläne zur temporären Einrichtung und Erweiterung von Radverkehrsanlagen“ nennt sich das Handbuch (hier geht’s zum PDF)

Pop-Up-Radspur, Berlin-Kreuzberg, Hallesche Ufer, 31.3.2020, Foto: changing-cities.org

In der Aussendung heißt es:Mit dem Rad zu fahren ist gerade in der Corona-Krise gut, um Ansteckungsrisiken zu vermeiden, zwingend nötige Wege zurückzulegen und sich an der frischen Luft sportlich zu betätigen. Damit tragen die Maßnahmen auch dazu bei, den öffentlichen Personennahverkehr zu entlasten und in S- und U-Bahnen, Bussen und Straßenbahnen das Abstandsgebot leichter einzuhalten.” Darüber hinaus sind die städtischen Leihfahrräder in Berlin für Fahrten von bis zu 30 Minuten nun auch mehrmals täglich kostenlos nutzbar.

Noch sehr unterschiedlich wird im übrigen deutschen Bundesgebiet die Frage der Systemrelevanz von Fahrradgeschäften gehandhabt. Während Werkstätten in allen Bundesländern für Reparaturservices geöffnet haben, wurden nur in Berlin, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern Radgeschäfte von der allgemein geltenden Schließung aller nicht systemrelevanten Geschäftsbetriebe ausgenommen. In Bayern galt diese Ausnahme für Radgeschäfte erst nach ein paar Tagen.

Budapest steigert Radverkehr

Nach der Abnahme der Nutzungszahlen des Öffentlichen Verkehrs um 90% und der Umstellung des städtischen Leihradsystems MOL Bubi auf kostenlosen Betrieb hatte der Radverkehr in Budapest sogar zugenommen im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie. Dem wird nun Rechnung getragen, am 7. April verkündete die Stadtregierung, temporäre Radspuren auf Schlüsselstrecken zu etablieren. Dies wird ausdrücklich als Gelegenheit angesprochen, den Radverkehr in Budapest nachhaltig zu verbessern. (Quelle)

Österreich radelt unter Einschränkungen

Auch hierzulande wurde der Radreparaturbetrieb erst nach Interventionen durch Radwerkstätten, Wirtschaftskammer und Radkompetenz-Mitglied Radlobby nach einer Woche Unsicherheit am 23. März zur systemrelevanten Dienstleistung erklärt und ermöglicht. Der Fahrrad- und Zubehör-Verkauf musste aber bisher geschlossen bleiben, am 14. April darf er unter bestimmten Auflagen öffnen – siehe dazu auch unseren Artikel „Der Virus hat den Radhandel befallen„.

Die Covid-19-Verordnung von Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) lässt Radfahren zu bestimmten Zwecken zu, so eben Arbeitsweg oder Versorgung. Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum, die unter Berücksichtigung der Sicherheitsauflagen einen wichtigen Beitrag zu physischer Gesundheit und psychischem Wohlbefinden leisten, werden vom Gesundheitsministerium in seinem Online-Fragen-Katalog folgendermaßen definiert: „Es sind alle Aktivitäten im Freien erlaubt, sofern diese mit Personen ausgeübt werden, die im gemeinsamen Haushalt leben und dabei gegenüber anderen Personen ein Abstand von mindestens einem Meter eingehalten wird (Spazieren gehen, Radfahren, Laufen, Wandern, Motorradfahren etc.). Es gibt keine zeitliche Begrenzung für die Ausübung dieser Aktivitäten.

Zum Radfahren als sportlicher Betätigung wurde von Sportminister Werner Kogler (Grüne) eine Empfehlung publiziert, um es einzuschränken, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Mehrstündige Einzelfahrten, Gruppenfahrten oder Mountainbiken sollen unterlassen werden. Eine Zusammenfassung der Auflagen findet sich hier bei „Österreich radelt„.

Die Stadtregierung Wiens war bisher unentschlossen, wie und ob Radfahren als Teil der Eindämmung der Pandemie eingesetzt werden kann. Ein von den Grünen vorgeschlagenes Paket zur Schließung von bestimmten Straßen für Autos, um mehr Platz für FußgängerInnen und Radfahrende zu schaffen, wurde von der Landes-SPÖ bisher abgelehnt. Am 9. April, nach Ankündigung der Öffnung der Bundesgärten in Wien durch VP-Ministerin Elisabeth Köstinger, konnte Bürgermeister Michael Ludwig (SP) den Vorschlägen von Verkehrsstadträtin Birgit Hebein (G) zustimmen. Unter den ersten zu öffnenden Straßenzügen befindet sich auch die radfreundliche Hasnerstraße.

Weltweiter Überblick

Diese Karte bietet eine Momentaufnahme jener Maßnahmen, die bis Mitte März ergriffen worden waren:

„Corona“-Maßnahmen im Straßenverkehr per Mitte März 2020: Straßenschließungen, Öffentlicher Verkehr gratis, Kostenloses Bike-Sharing, Temporäre Radfahrstreifen, Automatisierung von Ampelschaltungen Grafik:Marie Patino/CityLab

Diese Empfehlung kommuniziert die European Cyclists‘ Federation.

An der Chapel Hill Universität von North Carolina/USA hat Tabitha Combs, die zu nachhaltigen Transportwesen forscht, eine Liste mit allen (geplanten) Corona-Verkehrs-Maßnahmen in Städten auf der ganzen Welt zusammengestellt – und bittet um weiteren Input.

Text: Redaktion, BO & AH

Veröffentlicht am 8. April 2020