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Corona-Update: Radfahren als Transportmittel aus der Krise

Es kann von einem Paradigmenwechsel gesprochen werden, wenn aus hunderten Städten in der Europäischen Union Nachrichten über kilometerlange Pop-Up-Radwege, neue Tempobeschränkungen für den Autoverkehr und weitere Förderungen des Radverkehrs eintrudeln. Auch die Europäische Union hat nunmehr erste Schritte gesetzt, um den Radverkehr dem Autoverkehr gleichzustellen. Einige dieser Entwicklungen haben sich schon vor der Pandemie angebahnt. Viele wurden aber durch die Krisensituation beschleunigt.

Hier eine kleine Rundschau von Corona-bedingten Radverkehrsmaßnahmen in europäischen Städten wie Paris, Berlin, Brüssel, Lissabon und London. Wien darf natürlich als einzige österreichische Stadt mit Pop-Up-Radwegen auch nicht fehlen!

Vorreiter Berlin strebt Dauerhaftes an

Berlin und Budapest waren die ersten beiden europäischen Städte, die Pop-Up-Radwege angelegt haben. Jene im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, über die wir berichtet haben, wurden bereits evaluiert und als erfolgreich eingestuft. Insgesamt wurden in Berlin innerhalb weniger Wochen 10 Kilometer Pop-Up-Radwege geschaffen. Peter Broytman, verantwortlicher Radverkehrskoordinator der Berliner Senatsverwaltung, und Felix Weisbrich von der Bezirksverwaltung Friedrichshain-Kreuzberg, benennen das Erfolgsgeheimnis so: „Übliche Planungs- und Umsetzungszeiträume von mehr als drei Jahren sind durch agile Verwaltungsverfahren auf eine Woche Nachdenken und eine Woche Umsetzen reduziert worden.“ (Quelle: DIFU) Ihr Ziel sei es, dass viele der temporären Radwege nahtlos in dauerhafte überführt werden. Wichtige Grundlage seien dabei die standardisierten Planungsvorgaben, die „Regelpläne“. Mit dieser Schablone könne die Verwaltung schnell geeignete Straßen identifizieren und entsprechende temporäre Radwege errichten.

Temporärer Radweg in Berlin, Hallesches Ufer. Foto: Frank Masurat, CCO

Auch München hat die Umsetzung von fünf temporären Radwegen beschlossen. In Köln und anderen Kommunen wird unterdessen über eine generelle Reduktion auf Tempo 30 nachgedacht. In Jena und Dresden wurden Bedarfsampeln auf Regelampeln für den Fuß- und Radverkehr umgestellt. In vielen deutschen Städten (u.a. Berlin, Wuppertal und mehrere Städten im Ruhrgebiet) ist z.B. die Nutzung von städtischen Radverleihsystemen nun in der ersten halben Stunde kostenfrei.

Portugal: Lissabon setzt große Schritte

Die portugiesische Hauptstadt überrascht mit einer deutlichen Ausweitung der Radwegekilometer anlässlich der Corona-Krise und arbeitet damit wohl auch schon auf die nächstjährige Velo-city Konferenz hin. Es werden also zahlreiche Kfz-Stellplätze aufgelassen und Radwege gebaut: 56 Kilometer Pop-Up-Radwege sollen bis September 2020 entstehen!

Die Ausbaupläne für Lissabons Radverkehrsnetz: 26 Kilometer bis Juli, 30 Kilometer bis September, weitere 39 Kilometer im kommenden Jahr.

Diese Pläne wurden von Bürgermeister Fernando Medina am 3. Juni verkündet und basieren auf dem “Lisboa Ciclável” Masterplan 2019. Zusätzlich werden 7.750 Radstellplätze errichtet und ein drei Millionen Euro starker Fördertopf für Radverkehsmaßnahmen eingerichtet: die BürgerInnen von Lissabon können Ankaufzuschüsse in der Höhe von 100 € (Fahrrad), 350 € (E-Bike) und 500€ (Transportrad) beantragen.

Temporäre Radspur auf der Rua Castilho im Zentrum Lissabons. Foto: Bernardo Pereira

Frankreich: Paris bis Nizza

In Frankreich haben 116 Städte wie Lille, Dijon oder Le Mans nach dem Lockdown angekündigt, Teile von Straßen für das Radfahren oder Zu-Fuß-Gehen bereit zu stellen. Nizza hat die berühmte Promenade d‘Anglais für den Autoverkehr teilweise geschlossen, um eine durchgehende Radroute zu schaffen. Diese Städte folgen dem Beispiel Paris, das bereits 60 Kilometer neue (temporäre) Radwege geschaffen hat. Die Nutzung des Fahrrades hat in der französischen Hauptstadt laut European Cycling Federation bereits um 40% zugenommen.  Für die Zeit nach Corona hat die Regierung die Schaffung von insgesamt 650 Kilometern von neuen Radwegen in und um Paris angekündigt. In Montpellier hat Bürgermeister Philippe Saurel die erste Pop-Up-Bikelane selbst aufgesprayt, wie in diesem Video zu sehen

Piste cyclable temporaire – eigenhändig aufgesprüht und eröffnet von Montpelliers Bürgermeister Philippe Saurel (c) Stadt Montpellier

Die französische Regierung hat ein 20 Millionen Euro Paket für temporäre Maßnahmen im Radverkehrsbereich freigegeben. Damit können Pop-Up-Radwege finanziert werden oder Radabstellanlagen mit 60% Förderanteil unterstützt werden. Eine neue Steuerregelung ermöglicht es darüber hinaus ArbeitgeberInnen, ihren Beschäftigten jährlich 400 € als Fahrradprämie auszuzahlen.

Italien: Mailand von Rom übertrumpft

Aus Italien berichtete das Rennrad-Online-Magazin velonews.com von einem Rad-Flashmob in Mailand Anfang Juni. 400 Radfahrende trafen sich dort, wo der Giro d‘Italia geendet hätte, um für mehr Maßnahmen zur Stärkung des Radverkehrs zu demonstrieren. Vom Mailänder Bürgermeister Giuseppe Sala wurden 35 Kilometer neue temporäre Radfahrstreifen für die Zeit nach dem Lockdown versprochen. Rom wiederum will als Teil eines umfassenden nachhaltigen aktiven Mobilitätsplan PUMS 150 Kilometer Straße umwidmen. Bürgermeisterin Virginia Raggi will, wie hier berichtet, durch die Stärkung von aktiver Mobilität „die Nutzung von Autos einschränken und den Druck auf den öffentlichen Verkehr verringern“.

So soll Roms Radwegenetz in Zukunft aussehen: Die grünen Radwege bestehen bereits, die gelben sind teilweise umgesetzt, orange heißt in Arbeit und die roten sollen noch umgesetzt werden. (c) Pumsroma.it

Brüssels autofreie Zonen

Auch in Brüssel sollen 40 Kilometer neue Radwege entstehen. Darüber hinaus werden soeben 3.000 neue Radabstellplätze geschaffen, wofür eine halbe Million Euro des Stadtbudgets reserviert wurde. Die europäische Hauptstadt ist auch unter den Ersten gewesen, die als Antwort auf die Corona-Epidemie autofreie oder verkehrsberuhigte Zonen geschaffen haben. Das Naherholungsgebiet „Bois de la Cambre“ wurde komplett für Autos gesperrt. Im Sommer dürfen nur bestimmte Straßenzüge, die durch den Park führen, wieder von Kfz genutzt werden. Ab September werden dann 80% aller Routen, die das Grüngebiet kreuzen, für immer für Autos gesperrt.

Die MobilitätsministerInnen Elke Van Den Brandt (Hauptstadtregion Brüssel) und Bart Dhondt (Stadt Brüssel) erklären die Innenstadt Brüssels zur verkehrsberuhigten Wohnzone.

Brüssel hat auch eine der drastischsten innerstädtischen Temporeduktionen vorgenommen: Mit Mitte April war innerhalb der Brüsseler Ringstraße eine Höchstgeschwindigkeit von nur mehr 20 km/h erlaubt. Mobilitätsministerin Elke Van den Brandt zu der Entscheidung: „Unsere Spitäler brauchen im Moment nicht auch noch Unfallopfer, die sie versorgen müssen. Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuhalten ist auch eine Art Solidarität zu zeigen.“

Britische Städte von Brighton bis London

Autofreie Zonen und Geschwindigkeitsreduktionen wurden auch in vielen Städten auf den Britischen Inseln eingeführt. Dort hatte die Regierung im April die Verkehrsordnung dahingehend geändert, dass Städte und Bezirke temporäre Änderungen im Straßenlayout nicht mehr zur öffentlichen Einsicht vorlegen müssen, was die Umsetzungszeit verkürzt. In Brighton und Hove wurden daraufhin autofreie Zonen eingerichtet. Andere Städte denken ähnliche Schritte an oder haben bereits andere Maßnahmen gesetzt wie geänderte Ampelschaltungen oder mehr Platz für Radfahrende oder FußgängerInnen.

In London gibt es unterdessen erste Stauprobleme auf den sogenannten Supercycle Highways, also den Radschnellstrecken, die seit wenigen Jahren die Stadt durchmessen. Bürgermeister Sadiq Khan hat bereits begonnen, temporäre Radwege zu schaffen, existierende zu verbreitern oder baulich abzutrennen. Darüber hinaus werden Tempolimits reduziert und generell mehr Platz für aktive Mobilität geschaffen. Es soll die wahrscheinlich weltweit größte autofreie Zone entstehen. Khan warnte laut der Zeitung The Guardian, dass die Änderungen einschneidend sein werden: „Wenn wir Mobilität in London sicher machen wollen … haben wir keine Wahl, wir müssen schnell die Straßen von London für Menschen nutzbar machen.“

Geplante autofreie Zonen in London: Blau sind die bereits bestehenden Radwege, rote Straßen sollen für Bus-, Rad- und Fußverkehr offen sein, Rosa nur für Rad- und Fußverkehr. Auf den gelben Strecken soll es „Verbesserungen“ für aktive Mobilität geben

Österreich: Wien, Wien nur du allein

In einem Großteil der europäischen Städte zeigt sich, dass die Fahrradinfrastruktur unzureichend ist, sobald eine signifikante Zahl an Menschen auf das Rad umsteigt. Das gilt natürlich weniger für Rad-Vorreiterstädte wie Amsterdam oder Kopenhagen, wo ständige Wartung und Erweiterung der Radfahrinfrastruktur vorgesehen und budgetär ausreichend eingeplant sind. Doch dieses Umdenken wurde durch die Corona-Pandemie in ganz Europa verbreitet: Pop-Up-Radwege tauchten nicht nur in den oben genannten Städten, sondern beispielsweise in Tirana, Glasgow oder auf Malta auf.

Wien durfte hier natürlich auch nicht fehlen und hat zum Stand 18. Juni 2020 vier geschützte temporäre Radstreifen eingerichtet (Praterstraße, Wagramer Straße, Hörlgasse, Lasallestraße). Den Bedarf dafür zeigen die aktuellen Radzählungen: der Radverkehr hat im Mai 2020 im Vergleich zum gleichen Monat des Vorjahres über 45% zugenommen (VCÖ laut ORF). An den Werktagen sei die Zahl der Radfahrenden um 29 Prozent gestiegen, am Wochenende betrug der Anstieg sogar 71 Prozent. Verkehrsstadträtin Birgit Hebein sieht den Bedarf für „mehr Platz für die Menschen und weniger Autoverkehr – das ist nicht nur in der Hörlgasse eine gute Idee.“ Sowohl in der Hörlgasse als auch in der Praterstraße werden dauerhafte Umbauten folgen – letztere wurden aber bereits 2019 ausverhandelt.

Verkehrsstadträtin Birgit Hebein und Bezirksvorsteherin Saya Ahmad eröffnen die Pop Up Bikelane Hörlgasse.

Langfristige Umstrukturierungen werden in Wien derzeit angedacht und eingefordert, sind aber noch nicht festgelegt. Einn umfassender Vorschlag für 130 Kilometer temporäre Radwege und Fahrradstraßen wurden von der Initiative „Platz für Wien“ mit TU Wien und Radkompetenz-Mitglied Radlobby erarbeitet. Ein Vorschlag für eine verkehrsberuhigte Innenstadt, dem euphemistisch das Attribut „autofrei“ verliehen wurde, ist bereits zum großen Wahlkampfthema geworden. Dieser Vorstoß wird jedoch schon jahrelang verhandelt, ist also nicht unter „Corona-Maßnahmen“ einzureihen. Darüber hinaus gibt es keine Meldungen aus dem übrigen Österreich über Pop-Up-Radwege oder andere Corona-bedingte Maßnahmen zur Stärkung des Radverkehrs, auch nicht aus etablierten Fahrradstädten wie Graz oder Salzburg.

EU bestätigt Radfahren als wichtigen Teil der Post-Corona-Strategie

Auf europäischer Ebene wurde unterdessen ein wichtiger „Durchbruch für das Radfahren“ erzielt, wie es die European Cycling Federation formuliert. Denn der Vizepräsident der EU-Kommisison, Frans Timmermans, bestätigte bei einer Presskonferenz Ende Mai ausdrücklich, dass auch Radverkehrsmaßnahmen mit den Mitteln, die die Kommission für eine Post-Corona Krisenfonds zur Verfügung stellt, gefördert werden können, „im Besonderen auch für Radwege, für die es derzeit eine hohe Nachfrage gibt, auch hier in Brüssel derzeit“. Timmermans beschreibt es – wie in diesem Videoausschnitt zu sehen – als „eine komplette Änderung in der Einstellung“ der Menschen, und diese „ist, wie ich meine, zu begrüßen“. Damit werde, so die ECF, Radfahren anderen Mobilitätsformen auch auf höchster Ebene der EU gleich gestellt.

Die European Cycling Federation hat ein interaktives Dashboard erstellt, das Corona-bedingte Maßnahmen für den Radverkehr aufzeigt. Hier können sich Städte auch „messen“ und mit anderen Metropolen vergleichen.

Veröffentlicht am 20. Juni 2020