Internationale Studie bestätigt die positiven Wirkungen von Pop-up-Radinfrastruktur

PopUp_Wien

Während der ersten Monate der Corona-Pandemie zeigte sich weltweit ein klarer Trend: Das Fahrrad ist ein resilientes Verkehrsmittel, die Nutzung nahm deutlich zu. Dies erkannten auch einige Stadtregierungen und errichteten temporäre Radverkehrsinfrastruktur in Form von Pop-up-Radwegen. Wissenschaftler am Berliner Klimaforschungsinstitut MCC nahmen sich der Frage an, ob diese Investitionen in Radinfrastruktur zu den erhofften Verhaltensänderungen beitragen konnten. Das Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung von 106 Städten ist eindeutig positiv.

Internationale Studie bestätigt die positiven Wirkungen von Pop-up-Radinfrastruktur

PopPop-Up Radweg auf der Hörlgasse, Wien

Radverkehrszunahme als Folge der Pandemie

Im ersten jahr der Covid-Pandemie konnte von einem Paradigmenwechsel gesprochen werden, wenn aus hunderten Städten in der Europäischen Union Nachrichten über kilometerlange Pop-Up-Radwege, neue Tempobeschränkungen für den Autoverkehr und weitere Förderungen des Radverkehrs eintrudeln. Auch die Europäische Union hat bereits erste Schritte gesetzt, um den Radverkehr dem Autoverkehr gleichzustellen. Einige dieser Entwicklungen haben sich schon vor der Pandemie angebahnt. Viele wurden aber durch die Krisensituation beschleunigt. Wir brachten dazu bereits hier eine kleine Rundschau von Corona-bedingten Radverkehrsmaßnahmen in europäischen Städten wie Paris, Berlin, Brüssel, Lissabon und London.

Daten aus 736 Radzählstellen verglichen

In der Studie des MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change) wurden Städte herangezogen, die provisorische Radwege ausgewiesen haben. Innerhalb von vier Monaten waren dies durchschnittlich 11,5 Kilometer pro Stadt. Sie wurden mit jenen Städten verglichen, die solche Maßnahmen nicht setzten. Als Grundlage diente ein Datensatz aus 736 amtlichen Radverkehrszählstellen in 106 europäischen Städten sowie das Monitoring des Europäischen Radfahrerverbands (ECF) zu den „Corona-Radwegen“. In Regressionsanalysen rechnete das Forschungsteam dann mögliche Störfaktoren heraus: etwa Unterschiede bei der Platzierung der Zählstationen, bei der Ausstattung mit Bus und Bahn, bei Bevölkerungsdichte, Neigung zu „grünem Lebensstil“, sowie Topografie und Wetter.

Internationale Studie bestätigt die positiven Wirkungen von Pop-up-Radinfrastruktur
PopPop-Up Radweg in Berlin

Dem Berliner Forschungsteam ging es um den Wirkungszusammenhang der gesetzten Maßnahmen: „Es ist klar, dass viele Leute wegen Corona sowieso aufs Rad umsteigen, um nicht im vollen Bus zu sitzen“, sagt Sebastian Kraus, Politik-Analyst am MCC und Leitautor der Studie. „Aber wir zeigen, dass die neuen Radwege darüber hinaus in beträchtlichem Umfang zusätzlichen Radverkehr bewirkt haben.“ (vgl. MCC 2021, Quelle hier online)

Steigerungen bis zu 48 Prozent

Die Pop-Up-Radwege wurden hauptsächlich auf Hauptstraßen eingerichtet, so wurden auch Lücken im Radnetz gefüllt und so die gesamte Radinfrastruktur verbessert. Die gesetzten Maßnahmen erwiesen sich somit als kostengünstig und wirksam zugleich. Die Umsetzung von einem Kilometer Pop-up-Radweg mittels Bodenmarkierungen und Leitbaken kostete beispielsweise in Berlin nur 9.500 Euro. Die Wirksamkeitsevaluierung der errichteten Pop-up-Radwege zeigte im Zeitraum März bis Juli 2020 zwischen 11 und 48 Prozent zusätzlichen Radverkehr. Der Studie zufolge hat der Fahrradverkehr schon kurz nach Öffnung eines Pop-up-Radweges deutlich zugenommen.

Ob die Zunahme des Radverkehrs auch in Zukunft anhält, ist noch nicht nachgewiesen, so die beiden MCC-Wissenschaftler Sebastian Kraus und  Nicolas Koch: „Es ist weitere Forschung notwendig, um zu untersuchen, ob dieser Wandel nachhaltig ist und ob ähnliche Ergebnisse auch abseits einer Pandemie erreicht werden können.“

Internationale Studie bestätigt die positiven Wirkungen von Pop-up-Radinfrastruktur

Ergebnisse Fahrradverkehrsaufkommen (Quelle: Sebastian Kraus, Nicolas Koch)

TU-Studie belegt Erfolg der Wiener Pop-up-Radwege

Der Forschungsbereich für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien (TU) hat in Kooperation mit Radkompetenz-Mitglied con.sens mobilitätsdesign im Auftrag unseres Mitglieds Mobilitätsagentur Wien im Herbst 2020 eine Begleituntersuchung der Wiener Pop-up-Radinfrastruktur und der temporären Begegnungszonen im Jahr 2020 durchgeführt. Auch diese Ergebnisse sind eindeutig: die Pop-up-Radinfrastruktur in der Wagramer Straße, Lassallestraße, Praterstraße und Hörlgasse wurde sehr gut angenommen. Mehr dazu hier oder im Interview mit Co-Autor Ulrich Leth (TU Wien) bei Roadmap2050.

Studien zum Download:

Die gesamte Studie des MCC ist hier nachzulesen: Sebastian Kraus, Nicolas Koch (2021): Provisional COVID-19 infrastructure induces large, rapid increases in cycling. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), Washington, D.C.

Studie der TU Wien, 2020, DI Dr. Harald Frey (Projektleitung), DI Barbara Laa, DI Ulrich Leth, DI Florian Kratochwil (con.sens), DI Philipp Schober (con.sens): Download bzw. auch in unserer Datenbank WISSEN

Fotos: Karo Pernegger, Peter Provaznik, Stadt Berlin

Veröffentlicht am: 3. Juni 2021Kategorien: Forschung & Projekte

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Während der ersten Monate der Corona-Pandemie zeigte sich weltweit ein klarer Trend: Das Fahrrad ist ein resilientes Verkehrsmittel, die Nutzung nahm deutlich zu. Dies erkannten auch einige Stadtregierungen und errichteten temporäre Radverkehrsinfrastruktur in Form von Pop-up-Radwegen. Wissenschaftler am Berliner Klimaforschungsinstitut MCC nahmen sich der Frage an, ob diese Investitionen in Radinfrastruktur zu den erhofften Verhaltensänderungen beitragen konnten. Das Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung von 106 Städten ist eindeutig positiv.

Internationale Studie bestätigt die positiven Wirkungen von Pop-up-Radinfrastruktur

PopPop-Up Radweg auf der Hörlgasse, Wien

Radverkehrszunahme als Folge der Pandemie

Im ersten jahr der Covid-Pandemie konnte von einem Paradigmenwechsel gesprochen werden, wenn aus hunderten Städten in der Europäischen Union Nachrichten über kilometerlange Pop-Up-Radwege, neue Tempobeschränkungen für den Autoverkehr und weitere Förderungen des Radverkehrs eintrudeln. Auch die Europäische Union hat bereits erste Schritte gesetzt, um den Radverkehr dem Autoverkehr gleichzustellen. Einige dieser Entwicklungen haben sich schon vor der Pandemie angebahnt. Viele wurden aber durch die Krisensituation beschleunigt. Wir brachten dazu bereits hier eine kleine Rundschau von Corona-bedingten Radverkehrsmaßnahmen in europäischen Städten wie Paris, Berlin, Brüssel, Lissabon und London.

Daten aus 736 Radzählstellen verglichen

In der Studie des MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change) wurden Städte herangezogen, die provisorische Radwege ausgewiesen haben. Innerhalb von vier Monaten waren dies durchschnittlich 11,5 Kilometer pro Stadt. Sie wurden mit jenen Städten verglichen, die solche Maßnahmen nicht setzten. Als Grundlage diente ein Datensatz aus 736 amtlichen Radverkehrszählstellen in 106 europäischen Städten sowie das Monitoring des Europäischen Radfahrerverbands (ECF) zu den „Corona-Radwegen“. In Regressionsanalysen rechnete das Forschungsteam dann mögliche Störfaktoren heraus: etwa Unterschiede bei der Platzierung der Zählstationen, bei der Ausstattung mit Bus und Bahn, bei Bevölkerungsdichte, Neigung zu „grünem Lebensstil“, sowie Topografie und Wetter.

Internationale Studie bestätigt die positiven Wirkungen von Pop-up-Radinfrastruktur
PopPop-Up Radweg in Berlin

Dem Berliner Forschungsteam ging es um den Wirkungszusammenhang der gesetzten Maßnahmen: „Es ist klar, dass viele Leute wegen Corona sowieso aufs Rad umsteigen, um nicht im vollen Bus zu sitzen“, sagt Sebastian Kraus, Politik-Analyst am MCC und Leitautor der Studie. „Aber wir zeigen, dass die neuen Radwege darüber hinaus in beträchtlichem Umfang zusätzlichen Radverkehr bewirkt haben.“ (vgl. MCC 2021, Quelle hier online)

Steigerungen bis zu 48 Prozent

Die Pop-Up-Radwege wurden hauptsächlich auf Hauptstraßen eingerichtet, so wurden auch Lücken im Radnetz gefüllt und so die gesamte Radinfrastruktur verbessert. Die gesetzten Maßnahmen erwiesen sich somit als kostengünstig und wirksam zugleich. Die Umsetzung von einem Kilometer Pop-up-Radweg mittels Bodenmarkierungen und Leitbaken kostete beispielsweise in Berlin nur 9.500 Euro. Die Wirksamkeitsevaluierung der errichteten Pop-up-Radwege zeigte im Zeitraum März bis Juli 2020 zwischen 11 und 48 Prozent zusätzlichen Radverkehr. Der Studie zufolge hat der Fahrradverkehr schon kurz nach Öffnung eines Pop-up-Radweges deutlich zugenommen.

Ob die Zunahme des Radverkehrs auch in Zukunft anhält, ist noch nicht nachgewiesen, so die beiden MCC-Wissenschaftler Sebastian Kraus und  Nicolas Koch: „Es ist weitere Forschung notwendig, um zu untersuchen, ob dieser Wandel nachhaltig ist und ob ähnliche Ergebnisse auch abseits einer Pandemie erreicht werden können.“

Internationale Studie bestätigt die positiven Wirkungen von Pop-up-Radinfrastruktur

Ergebnisse Fahrradverkehrsaufkommen (Quelle: Sebastian Kraus, Nicolas Koch)

TU-Studie belegt Erfolg der Wiener Pop-up-Radwege

Der Forschungsbereich für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien (TU) hat in Kooperation mit Radkompetenz-Mitglied con.sens mobilitätsdesign im Auftrag unseres Mitglieds Mobilitätsagentur Wien im Herbst 2020 eine Begleituntersuchung der Wiener Pop-up-Radinfrastruktur und der temporären Begegnungszonen im Jahr 2020 durchgeführt. Auch diese Ergebnisse sind eindeutig: die Pop-up-Radinfrastruktur in der Wagramer Straße, Lassallestraße, Praterstraße und Hörlgasse wurde sehr gut angenommen. Mehr dazu hier oder im Interview mit Co-Autor Ulrich Leth (TU Wien) bei Roadmap2050.

Studien zum Download:

Die gesamte Studie des MCC ist hier nachzulesen: Sebastian Kraus, Nicolas Koch (2021): Provisional COVID-19 infrastructure induces large, rapid increases in cycling. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), Washington, D.C.

Studie der TU Wien, 2020, DI Dr. Harald Frey (Projektleitung), DI Barbara Laa, DI Ulrich Leth, DI Florian Kratochwil (con.sens), DI Philipp Schober (con.sens): Download bzw. auch in unserer Datenbank WISSEN

Fotos: Karo Pernegger, Peter Provaznik, Stadt Berlin

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